Was, wenn es die Einsamkeit gar nicht gibt?

Unsere Gefühle werden von uns selbst erschaffen. Produziert durch unsere Gedanken oder durch unser Unterbewusstsein kommen sie zu Tage. Nicht andere Menschen, sondern unser eigenes, höchst persönliches Denken, ist der Hersteller. Kein anderer Mensch, der in unser Leben tritt sagt uns „Du verliebst Dich jetzt in mich“, sondern unsere Gedanken „Der/die ist aber voll süß“, bringen z.B. das Gefühl des verliebtseins zu Tage.

Wenn dem nun so ist, können wir dann auch unsere Gefühle wieder „weg machen“, entfernen, in die Wüste schicken? Wenn wir sie selbst erschaffen, muss es doch auch möglich sein sie wieder verschwinden zu lassen….

Meine folgende kleine Geschichte nenne ich „Den Sonntagsblues“:
Als ich noch ein kleines Mädchen war, fuhr ich sonntagsnachmittags immer mit meinen Eltern zu meiner Oma. Für mich war das eine reine Pflichterfüllung. Wir saßen zwei, drei Stunden bei meiner Oma rum. Mein Vater las Zeitung während meine Mutter sich am Küchentisch mit meiner Oma unterhielt oder sogar anschwieg. Ich hockte daneben und weiter nichts. Wenn ich zu viel plapperte, wurde ich ermahnt still zu sein. Wenn das Wetter gut war durfte ich raus. Nachteile war, ich kannte in dem Kaff niemanden und falls ich doch wen traf, so waren ja da noch die guten Sonntagsklamotten, die mich eh nicht frei sein ließen. Also fuhren wir nach drei qualvollen Stunden wieder Heim. Mein Vater schaute irgendeine Sport- oder Politiksendung während meine Mutter das Abendbrot vorbereitete. Nach dem Abendbrot wiederholte sich das Prozedere. Mein Vater schaute fern und meine Mutter räumte die Küche auf. Um 20.15 Uhr war für mich „Time to go to bed“. Toller Sonntag.

Das war die Zeit in meinem Leben, in der ich mich zum ersten Mal einsam fühlte. Ja ich fühlte mich einsam! Ich hatte keine Langeweile! Ich hätte jede Menge Ideen gehabt… Nein, es war das Gefühl von Einsamkeit mitten unter Menschen.

Dieser Sonntagsblues zog sich unbewusst durch mein ganzes Leben. Wenn ich sonntags aufwachte, egal ob ich Jugendliche war, verheiratete Frau oder Mutter oder wie heute Single, der Sonntagsblues blieb. Ich muss zwar schon längst nicht mehr zu meiner Oma, aber schon im Kindesalter hatte sich dort in mir eine „Angst“ vor dem Sonntag manifestiert, der ich mich gar nicht entziehen konnte. Selbst heute wache ich sonntags manchmal noch immer auf und fühle mich einsam und habe ein beklemmendes Gefühl. Zunächst schob ich es auf das nahende Ende des Wochenendes, oder vielleicht auch auf den Kater am Morgen danach. Aber ich bemerkte, dass dieses Gefühl auch im Urlaub und ohne Kater, als Single, Mutter oder Ehefrau, immer wieder sonntags auftaucht.

Heute habe ich jedoch Macht über meine Gedanken. Ich bin ich in der Lage mich daran zu erinnern, dass das Gefühl der Einsamkeit ein Produkt meiner Erlebnisse aus der Kindheit ist. Ich kann heute alles machen. Ich kann allein bleiben und den Tag im Bett genießen. Ich kann raus gehen und andere Mensch treffen. Ob verabredet oder nicht. Ich kann hinaus gehen und Menschen kennen lernen. Ich bin nicht einsam und da ich zu dem Schluss gekommen bin, dass wir unsere Gefühle selbst produzieren, kann ich auch die Macht über meine Gefühle haben und sie fort schicken.

Aber es gibt noch eine wichtige Erkenntnis zum Thema Einsamkeit. Auch bei mir gab es mein Leben lang immer den Wunsch, alles mit jemandem teilen zu wollten. Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Da ist natürlich viel Wahres dran. Aber viel Glück schlummert in uns selbst. Man muss nicht immer darauf warten, dass andere Menschen Zeit haben für gemeinsame Unternehmungen. Man kann auch einen schönen, glücklichen Abend allein bestreiten. Und das heißt nicht in den heimischen vier Wänden.
Im Frühjahr diesen Jahres fand in der Gegend ein Konzert statt, welches ich sehr gerne besuchen wollte. Blöd war, dass alle Menschen, die in Frage kamen mit mir dieses Konzert zu besuchen, nicht abkömmlich waren. Ich wartete bis zum letzten Tag und haderte mit mir. Geh ich allein hin oder nicht. Gut, ich fasst einen Entschluss und wollte ungeschminkt in lässigem Outfit in der Menge untertauchen und allein hingehen. Die Vorstellung ein Konzert ganz allein zu besuchen bereitete mir Unbehagen. Ja ein Gefühl der Einsamkeit. Was mochten nur die Leute denken. „Alles Quatsch“ dachte ich bei mir, als ich aus der Dusche kam und ich mich fürs Konzert fertig machen wollte. Sonst zelebrierte ich doch solche Abende. Machte mich besonders schön zu Recht…. und nur weil ich allein los wollte, traute ich mich das nicht?! Kurzer Hand disponierte ich um. Ich stylte mich aufwendig und trug rote Hosen mit hohen Hacken. Trug roten Lippenstift auf und fuhr los. Ja! Man nahm Notiz von mir. In einer Kleinstadt fällt man schon auf, wenn man sich auffällig kleidet und noch dazu allein unterwegs ist. Aber ich hatte recht schnell Anschluss gefunden und amüsierte mich sehr. Ich kam spät abends beseelt Heim und war froh, dass ich mich allein getraut hatte. Ich hinterließ auf der Facebookseite der Band einen ausführlichen Kommentar über das Konzert, weil es mir einfach so sehr gefallen hatte. Ich war einfach richtig froh darüber nicht allein zu Hause geblieben zu sein und ich hatte der Einsamkeit ein Schnippchen geschlagen. Einige Tage später erhielt ich sogar noch eine persönliche Nachricht vom Säger der Band, der sich für den tollen Kommentar bedankte. Was für eine Erfahrung. Seitdem gehe ich, egal wohin, auch gerne mal allein. Sei es ins Kino oder Theater, ins Restaurant oder fliege allein in Urlaub. Einsam zu sein ist nicht nur ein Gefühl sondern auch eine Entscheidung. Ich habe mich dagegen entschieden!

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