Authentisch sein bis zum Ende

Ich möchte mich noch einmal mit dem Thema „authentisch sein“ beschäftigen. Die meisten Leute, oder viele die ich kenne, sind mit dem ein oder anderen, was die eigene Persönlichkeit angeht, nicht oder nicht völlig zufrieden. Sei es die Figur, die Nase, also das Aussehen als solches oder auch die eigenen Gepflogenheiten. Ich bin jemand, der immer die Fahne „ich bin durch und durch authentisch“ sehr hoch hält. Aber dann begegnen mir wieder Situationen, in denen mir z.B. gesagt wird „stell dein Licht nicht so unter den Scheffel“. Dies sagte mir erst gestern eine Kollegin. Mir war gar nicht bewusst, dass ich dies tat. Ich erklärte mich ihr gegenüber, dass ich zwar in den letzten Vertretungswochen alles getan hätte was in meiner Macht stand, aber eben nicht alles perfekt erledigen konnte, da ich diesen Arbeitsplatz ja eben nur vertretungsweise bekleide. Ich dachte darüber nach…stellte ich mein Licht wirklich unter den Scheffel? Sie sagte mir, dass ich ihr eine große Entlastung wäre, selbst wenn ich nur Kleinigkeiten erledigen würde. Und dann wurde es mir klar…..ich war tatsächlich an dieser Stelle nicht authentisch. Ich tat, was ich konnte und durfte stolz auf mich sein… Im gesamten Jahr war ich bisher vertretungsweise eingesetzt. Logisch, dass ich die jeweiligen Aufgaben nicht so erledigen kann, wie jemand der diesen Platz durchgängig bekleidet. Ich fand meine Selbsterkenntnis mal wieder ziemlich überraschend und staunte nicht schlecht darüber, was mir bisher nicht klar gewesen war.
Dann traf ich gestern Abend eine Bekannte auf ein Glas Wein. Sie machte mir ein Kompliment für mein Outfit (dunkelblaue Nadelstreifenhose und quergestreiftes ärmelloses Shirt). Ich musste grinsen, weil ich mich am morgen schon bei meiner Chefin für den Streifenmix „entschuldigt“ hatte. Tatsächlich fand ich die Kombi selber gut, konnte aber irgendwie nicht dazu stehen. Wieder ein Punkt bei dem mir auffiel, dass ich nicht zu 100 % authentisch war. Dann kam sie darauf zu sprechen, dass sie meine schlagfertige und spontane Art, gepaart mit meinem rheinländischen Dialekt, immer so erfrischend, ehrlich und sympathisch finden würde. Tatsächlich hatte ich mich doch oft für genau diese Art entschuldigt und immer wieder Bedenken bezüglich meines Dialektes gehabt, weil doch viele Dialekt für ……na ja….ein wenig  dümmlich halten.
Mir wurde immer klarer, an wie vielen Stellen ich eben nicht zu 100 % authentisch war. Und dann kamen mir noch einige andere Dinge in den Sinn: An wie vielen Stellen taktieren wir? Wie oft benehmen wir uns nicht authentisch weil wir gefallen wollen, weil wir ein bestimmtes Ziel verfolgen, weil wir etwas erreichen wollen, dass wir glauben auf ehrliche und authentische Art nicht erreichen zu können? Ich denke da nicht an große Schauspielereien sondern eher an Kleinigkeiten, die man vielleicht gerne machen oder sagen möchte, es aber aus Angst vor Ablehnung nicht tun. Wie oft beziehen wir Verhalten und Aussagen von anderen Menschen auf uns, ohne dass wir uns im Klaren darüber sind, dass wir gar nicht gemeint sind? Wenn sich jemand nicht bei mir meldet, so ist es viel wahrscheinlicher, dass die betreffende Person verhindert ist, keine Lust hat, andere Beweggründe hat, als dass ich nicht so akzeptiert werde wie ich bin!
Wirklich komisch finde ich nur, dass mir das gar nicht bewusst war, dass ich an so vielen kleineren Stellen nicht authentisch bin/war. Wie oft man sich tatsächlich mit sich selbst beschäftigt, sich übt in Selbstliebe und „mit sich im Reinen sein“ und plötzlich, wie aus dem Nichts, einem klar wird, dass man einige Dinge nicht wahrgenommen hat.
Langer Rede gar kein Sinn…..es hat in mir aber ein Ahaerlebnis ausgelöst. Ich kann es beschreiben wie ein Reißverschluss der gerade aufgegangen ist und ich noch einmal viel mehr Luft bekomme. Ich hab das Gefühl tief einatmen zu können und meine Lungen bis zum letzten Ende mit Sauerstoff füllen zu können. Und das ist der Grund, warum ich Euch diese, doch mal wieder sehr persönliche Geschichte erzählen wollte. Seid Ihr selbst und immer mehr und bis zum letzten Fitzel. Die Menschen werden Euch genau dafür noch mehr mögen und die, die es nicht tun, denen gefallen andere Menschen. Wir müssen nur uns selbst gefallen und dann kommen die, die uns wohl gesonnen sind, von ganz allein!

Alles Liebe

Euro Frau Schwarzbrot

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9 Kommentare zu „Authentisch sein bis zum Ende

  1. Ja, der letzte Satz enthält viel Wahrheit.
    Das mit dem geöffneten Reißverschluß klingt für mich als Mann erstmal reizvoll…und ist es bei näherer Betrachtung immer noch. Was jetzt nicht mehr körperlich gemeint ist.
    Auch ich kenne das mit der Authentizität sehr gut. Wie Du ja weisst, meine liebe Frau Schwarzbrot, war ich für alle und jeden mehr ein Spielball. Ich habe mich nach ihnen ausgerichtet, darauf konnten sie sich verlassen. Wenn ich mal aufbegehren wollte, appellierten sie an mein Gewissen, und schon war ich willig und hörig.
    Und dann kam der Supergau für all diese Menschen: ich wollte nicht mehr. Ich wollte nur noch Ich sein. Und mit Hilfe meiner guten Freundin N. habe ich es wunderbar hinbekommen. Und was bin ich jetzt glücklich und zufrieden! Und vor allem erleichtert!
    Ich habe fast über Jahrzehnte Rücksicht genommen, wollte niemanden verletzen, und wenn ich es dann doch tun musste, tat es mir ewig leid. Jetzt weiss ich, ich kann immer noch Rücksicht nehmen, muss aber niemandem etwas „vorspielen“. Und mir muss nichts leid tun, für das ich nicht selbst verantwortlich bin.
    Mein Beruf bringt es mit sich, dass man sich auf unbekannte Menschen einstellt und ihnen natürlich auch etwas verkaufen möchte. Das mache ich sehr gern. Aber dafür muss ich niemandem in den A… kriechen, ich mache es in MEINER Art und Weise. Und wem es nicht gefällt, der darf gern woanders hingehen.
    Es geht aber niemand, weil anscheinend jeder meine ehrliche Art mag.
    Und das liegt daran, dass ich so bin, wie ich bin.
    Auch ich habe jahrelang nur Fehler an mir gesehen, dabei gar nicht beachtet, welche Vorzüge ich doch habe. Heute sehe ich es umgekehrt. Ich sehe meine „Fehler“ als Ausdruck meiner Persönlichkeit, nicht als Mangel. Für die Eingeweihten: meine Banderfahrung war die längste Selbstfindungsphase meines Lebens…
    Ich denke aber auch, dass vieles von aussen, z.B. von Medien beeinflusst wird. Ich nehme als Beispiel die Figur einer Frau. Ok, Du bist mit einer tollen Figur gesegnet, ich bin einer der wenigen, die Deinen kleinen „Fehler“ kennen (hier kommt normalerweise ein Smiley), aber wer sagt denn, ob es ein Fehler ist? Oder was eine tolle Figur ist? Ist sie dick oder dünn, lange oder kurze Beine, grosse oder kleine Brüste…spielt das überhaupt eine Rolle? Oder lassen wir uns das nicht einfach nur aufzwingen?
    Ich jedenfalls nicht. Ich stehe zu meiner enormen Körperhöhe, ich stehe dazu, dass meine Haare grau werden. Und ich weiss, dass diejenigen, die JETZT als Freunde oder Bekannte Kontakt zu mir haben, mich genauso sehen und vor allem mögen, wie ich bin. Authentisch.
    Und das gilt sowohl für meine körperlichen als auch verhaltensbedingten Vorzüge, wenn ich es mal so formulieren darf.
    Und damit kann ich Deinen Schlusssatz (ich finde übrigens die neue Rechtschreibung mit 3 s ekelhaft, da kriege ich Augenkrebs!) unterschreiben. Sei, wie Du bist, und die, die Dich genauso mögen, werden zu Dir kommen. Und als Ergänzung: die, die uns zu etwas machen wollen, was wir nicht sind, wollen uns nichts Gutes tun. Weil sie uns verändern wollen.
    Danke mal wieder, meine Liebe, für ein äusserst interessantes Thema!
    P.S.: Frau Schwarzbrot hat bei einem meiner letzten Kommentare geantwortet, dass es sie sprachlos gemacht hätte. Ich kenne sie. Das geht nicht.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich finde es gut das du es irgendwann geschafft hast ‚DU‘ zu sein. Manche brauchen etwas länger, manche schaffen es (leider) nie. Ich verbiege mich nie für jemanden nur um ihn zu gefallen. Ich mag auch nicht jeden und mich muss auch nicht jeder mögen. Wenn man das für sich akzeptieren kann, hat den grössten Schritt geschafft. LG, Nati

      Gefällt 1 Person

  2. Ach, ich muss doch noch etwas ergänzen: ja, man hat immer Situationen, indem man nicht so authentisch ist, wie man es vielleicht möchte. Ich nenne das Rücksichtnahme. Weil nicht jeder mit so viel Ehrlichkeit umgehen kann.
    Aber damit es immer mehr werden, dafür sorgst auch Du durch diesen Blog.

    Gefällt 1 Person

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